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Haus Wittgenstein - Geschichte

Das „Haus Wittgenstein" wurde 1926—1928 als Wohnpalais für Margarethe Stonborough erbaut. Sie war eine geborene Wittgenstein und entstammte einer der vermögendsten Industriellenfamilien von Wien. Ludwig Wittgenstein war ihr jüngster Bruder. 1925 hatte sie das Grundstück im Bezirk Landstraße erworben und vom Wiener Gemeinderatsausschuss die Bewilligung erhalten, einen Teil davon zu bebauen.

Das Haus ihrer Eltern spielte eine bedeutende Rolle im Kunst- und Musikleben Wiens zur Jahrhundertwende. Ihr Vater, Karl Wittgenstein, zählte zu den wichtigsten Förderern der Wiener Sezession.

Paul Engelmann, ein Schüler und Mitarbeiter von Adolf Loos, der mit Ludwig Wittgenstein seit 1916 über Vermittlung von Loos befreundet war, hatte für den Bruder Paul Wittgenstein im Stadthaus verschiedene Räume eingerichtet. Margarethe beauftragte ihn mit dem Entwurf ihres Hauses und hat sicherlich die Charakteristik und das Raumprogramm ihrem Lebensstil entsprechend mitbestimmt. Engelmann zeichnete im Frühjahr 1926 eine Reihe von Entwürfen. Ludwig Wittgenstein, der zu dieser Zeit Lehrer in Otterthal/Niederösterreich war, zeigte von Beginn an reges Interesse an der Planung und wurde im Herbst 1926 von seiner Schwester als Architekt beigezogen.

Der Bau für seine Schwester gab ihm nun die Gelegenheit, sein geistiges und ethisches Konzept in der Gestaltung einer sehr konkreten und komplexen Aufgabe zu verwirklichen. Engelmann hatte wohl das räumliche Gerüst festgelegt. Wittgenstein aber präzisierte in zweijähriger, fanatischer Arbeit diesen Entwurf in den Proportionen und in den Details zur höchsten Klarheit und Akkuratesse und schuf damit ein einzigartiges, kulturgeschichtliches Dokument. Hermine Wittgenstein berichtet in ihren „Familienerinnerungen": „Ludwig zeichnete jedes Fenster, jede Tür, jeden Riegel der Fenster, jeden Heizkörper mit einer Genauigkeit, als wären es Präzisionsinstrumente, und in den edelsten Maßen, und er setzte dann mit seiner kompromisslosen Energie durch, dass die Dinge auch mit der gleichen Genauigkeit ausgeführt wurden." Speziell die Ausführung der eisernen Türen und Fenster stellte außergewöhnliche technische Anforderungen. Erst nach mehreren Versuchen mit Modellen war schließlich ein Unternehmen imstande, die hohen Türen mit den extrem schlanken Rahmen und Sprossen in der geplanten Form und mit der nötigen Festigkeit herzustellen. Wittgenstein arbeitete hier mit einem Material und mit einer Exaktheit, die ihm vom Maschinenbau her geläufig waren. Und er verwandelte mit seinem empfindlichen Sinn für Proportion, Klarheit und sinnvolle Einfachheit die baulichen Elemente und Details zu Formen, die nicht weiter reduzierbar erscheinen. Ende 1928 wurde das Haus bezogen. Margarethe Stonborough richtete die Räume mit französischen und chinesischen Möbeln, mit Stücken aus der Wiener Werkstätte und aus ihrer umfangreichen Kunstsammlung ein. Während des Krieges, als sie sich in Amerika aufhielt, und das Mobiliar ausgelagert war, wurde das Haus vom Roten Kreuz als Heereslazarett benutzt, später als Heimkehrerstelle. Margarethe Stonborough bewohnte dann ab 1947 das Haus wieder bis zu ihrem Tode, 1958. Ihr Sohn, Dr. Thomas Stonborough, erbte das Haus und verkaufte dann 1971 das Grundstück an den Bauunternehmer Dipl.-Ing. Franz Katlein. Auf dessen Anregung nahm der Gemeinderat eine Umwidmung vor, so dass an der Stelle des Wohnhauses die Errichtung eines Hotelhochhauses möglich wurde. Der schöne alte Baumbestand wurde abgeholzt und im August erging der Bescheid der Baupolizei zur Genehmigung der Abtragung sämtlicher Gebäude und Einfriedungsmauern auf dem Anwesen.

Die Initiativen der Zentralvereinigung der Architekten, der Österreichischen Gesellschaft für Architektur und insbesondere von Prof. Friedrich Kurrent, die von Protesten aus aller Welt unterstützt wurden, verhinderten die Zerstörung faktisch in letzter Minute. Das Wittgenstein-Haus wurde unter Denkmalschutz gestellt.

Der entscheidende Schritt zur Aktivierung des leerstehenden, als Spekulationsobjekt nicht mehr verwertbaren Hauses geschah Ende 1975.

Die Botschaft der Republik Bulgarien erwarb das Gebäude und gab ihm eine neue, adäquate Nutzung als Kulturhaus. Der Bau wurde gründlich renoviert, wobei man für die neue Nutzung einige Veränderungen sowie umfangreiche Erweiterungen im Souterrain vornahm. Hier entstand ein großer Veranstaltungssaal. Das Erdgeschoß wurde für Ausstellungszwecke adaptiert, wofür es sich bei vielfältigen Anlässen seither als außerordentlich geeignet erwies. Aus einem exklusiven Wohnpalais wurde ein offenes Haus der Kultur und Wissenschaft und nicht zuletzt ein Fixpunkt im Besichtigungsprogramm von architektur- und philosophiebegeisterten Besuchern aus dem In- und Ausland.


Fotos zur Geschichte finden sie hier

 
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